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Wie im Tunnel

Super-Recognizer aus Fleisch und Blut ähneln in ihrer Effektivität einer Datenbank auf zwei Beinen
Wie im Tunnel
Super-Recognizer aus Fleisch und Blut ähneln in ihrer Effektivität einer Datenbank auf zwei Beinen. Beim Landeskriminalamt in Düsseldorf und beim Polizeipräsidium Dortmund sind drei dieser ungewöhnlichen Spezialisten beschäftigt.
Streife-Redaktion

Dass ich mir Gesichter gut merken kann, ist mir schon lange aufgefallen“, sagt Nathalie Broschinski. „Wenn ich mir im Fernsehen irgendwelche Filme anschaue, erkenne ich auch Nebendarsteller, die mir irgendwann in anderen kleinen Rollen begegnet sind. Da schauen mich meine Freunde immer ungläubig an.“ Die Kriminaloberkommissarin gehört mit David Paprocki und Samanta Kliner zur seltenen Spezies der Super-Recognizer (SR). Alle drei erwarten viel vom neuen SR-Projekt des Landes. „Gut, dass es jetzt richtig losgeht“, sagen sie.

Obwohl die biometrische Gesichtserkennung ständig optimiert wird, funktionieren Menschen mit Spezialbegabung in Teilbereichen offenbar noch besser als Bildabgleichprogramme im Computer. Das trifft besonders dann zu, wenn Aufnahmen verschwommen oder abgebildete Personen weitgehend verdeckt sind, zum Beispiel durch Masken.

Weniger als zwei Prozent der Bevölkerung besitzen die Fähigkeiten von Super-Recognizern, vermutet die Wissenschaft. Die können sich Gesichter, aber auch andere Details überdurchschnittlich gut einprägen. Auch dann, wenn sich der Ausdruck durch Alterung, Frisur, Bart oder Gewicht stark verändert hat. Das haben Tests dokumentiert.

Die Londoner Polizei entwickelte in Kooperation mit der Universität von Greenwich 2011 ein Verfahren, solche Spezialbegabungen herauszufischen. Sie wurden bei den Ermittlungen zu den „London Riots“ eingesetzt und waren bei der Aufklärung der gewalttätigen Tumulte, die sich in mehreren britischen Städten ausgebreitet hatten, sehr erfolgreich.

Damals fußten 1.300 der 4.000 Anklagen auf dem Einsatz von Super-Recognizern. Deutschland begann sich nach der Silvesternacht in Köln 2015/16 für diese ganz besonderen „Brains“ zu interessieren. Damals unterstützten Super-Recognizer aus England die deutschen Ermittler, um Täter zu überführen.

Das Polizeipräsidium Dortmund richtete dann am 14. November 2018 als erste Polizeibehörde in NRW eine Projektgruppe zu diesem Thema ein. Die Behörde in Köln zog etwas später nach. Nathalie Broschinski, die damals noch in Köln arbeitete, machte den Test 2020 nach einem Aufruf im Intranet. Sie erreichte die geforderte hohe Punktzahl, die sie jetzt als Super-Recognizerin ausweist.

Inzwischen ist sie Sachbearbeiterin beim LKA in der Zentralen Auswertungsstelle. Bei der BAO Berg, die eine unglaublich hohe Anzahl von Kindesmissbrauchsfällen aufzuklären hatte, trug ihr Gespür dazu bei, Opfer zu identifizieren. „Wenn ich jemanden wiedererkenne, macht es klick“, sagt sie. Das sei schwer zu erklären. „Das kommt einfach aus dem Bauch.“

Auch Kriminaloberkommissar David Paprocki vom KK14 in Dortmund hat den SR-Test mit Bravour bestanden. Im Alltag kümmert er sich vor allem um Taschendiebstähle. „In den Aufnahmen von Überwachungskameras kann ich eine Person schon an ihren Bewegungen identifizieren und finde sie dann häufig auf unterschiedlichem Bildmaterial an verschiedenen Orten wieder“, erläutert er. „Wir wissen so, dass es sich um einen Serientäter handelt.“

Als der 43-Jährige in der „EK Drive-in“ mitwirkte, kam sein Talent wieder zum Tragen.

Er studierte das vorhandene Bild- und Videomaterial von aufgespreizten und leer geräumten Geldautomaten und entdeckte mehrfach einen Burschen mit kurz geschorenen Haaren und schleichendem Gang.

Vor Gericht erschien der plötzlich mit langen Haaren, sodass ihn die Richterin zunächst nicht auf den Filmsequenzen erkannte. „Die Staatsanwaltschaft konnte aber aufgrund unserer Hinweise deutlich machen, dass der Angeklagte mit der Person auf dem Bildmaterial identisch war“, berichtet der Kriminalbeamte. Der Geldautomatenknacker wurde verurteilt.

Dass er über spezielle Antennen verfügt, hat David Paprocki einst auf einer Klassenfahrt entdeckt. Damals fiel ihm jemand in einer Jugendherberge auf, der sich irgendwie anders als die anderen verhielt. „Plötzlich war ein Pullover verschwunden und ich konnte den Jungen genau beschreiben, der mir komisch vorgekommen war.“ Bei dem sei dann auch das vermisste Kleidungsstück gefunden worden, erzählt er.

Samanta Kliner ist die Dritte im Bunde der Super-Checker. Dass sie etwas anders tickt als die anderen, weiß sie seit früher Kindheit. Die Autistin arbeitet seit 2020 als Regierungsangestellte im nordrhein-westfälischen Landeskriminalamt. Die polizeiliche Oberbehörde hatte in ihrer Ausschreibung jemanden mit besonderer Wahrnehmungsfähigkeit gesucht.

„Bei mir fehlt der Rauschfilter, der dazu führt, dass man Wichtiges von Unwichtigem trennt“, sagt sie. „Das hat aber auch Vorteile. Ich bin bei der Recherche wie im Tunnel und erfasse auch kleinste Details, die meist durch das Raster fallen.“

Beim LKA sitzt Samanta Kliner in der Zentralen Auswertungs- und Sammelstelle für Kinderpornografie und hat schon häufig durch Aufdeckung von Kleinigkeiten (wie dem Ausschnitt eines Teppichmusters, der Ecke eines Lampenschirms, einem ungewöhnlich geformten Daumen, der Haltung eines Arms) die Verbindung zu anderen Fällen herstellen können.

„Ich bin dafür da, das Material zu ordnen und zu bündeln“, erklärt die 42-Jährige bescheiden. Vor ihrem Engagement bei der Polizei hat sie eine Hilfsorganisation für autistische Menschen auf die Beine gestellt. Sie sauge alle Informationen wie ein Schwamm auf, stellt sie nüchtern fest. „Wie einer geht, wie ein Schuh im Regal steht, wie sich einzelne Stimmen anhören und unterscheiden.“ Täglich bewältigt sie eine Flut von Bildern, die anschließend „mühselig“ in Sprache umgesetzt werden.

Autisten sind in deutschen Polizeibehörden noch die große Ausnahme. Etliche Polizistinnen und Polizisten sind schon als Super-Recognizer in NRW gelistet.

Wie nützlich Super-Recognizer bei Überwachungs- und Fahndungsmaßnahmen sein können, zeigt ein spektakuläres Ergebnis aus Dortmund. Bei einem Fußballspiel der Borussia identifizierte eine Super-Recognizerin nach wenigen Minuten einen Tatverdächtigen unter 20.000 Zuschauern im Signal-Iduna-Park. Zuvor hatte ein szenekundiger Beamter lange und vergeblich mit der Kamera nach dem Gesuchten gefahndet.

Auch andere Bundesländer experimentieren. Teilweise stellte man schon Super-Recognizer in die Innenstädte, um Gesichter herauszufiltern, die sie vorher nur für Sekundenbruchteile gesehen hatten. Und tatsächlich wurden die Gedächtnisprofis fündig.

Das nordrhein-westfälische Innenministerium will mehr erfahren und die bisher verfolgten Ansätze koordinieren und standardisieren. Das Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten (LAFP) NRW hat ein Konzept erarbeitet, das inzwischen per Erlass genehmigt wurde. Die Kreispolizeibehörden Dortmund, Düsseldorf, Essen, Köln, Bochum und Siegen-Wittgenstein sollen in einem Pilotversuch Aufschlüsse über Auswahlkriterien und Einsatzmöglichkeiten für Super-Recognizer liefern.

Kriminaloberrat Jörg Weßels vom LAFP glaubt, dass Super-Recognizer einen erheblichen Mehrwert bringen können. „Wir übernehmen kostenfrei das computergestützte sequenzielle Testverfahren der Berliner Polizei, um geeignete Polizeibeamtinnen und -beamte für unser Vorhaben zu gewinnen“, kündigt er an. Auswahl und praktische Umsetzung würden mindestens zehn Monate dauern. „Danach werden wir unsere Schlüsse ziehen.“

Das LAFP weist darauf hin, dass das Sichten und Erkennen einer verdächtigen Person durch einen Super-Recognizer einen Zeugenbeweis darstellt und ein Ausgangspunkt neuer Ermittlungen sein kann. Während biometrische Erkennungsverfahren im öffentlichen Raum an strenge Voraussetzungen geknüpft seien, gäbe es beim Einsatz von Super-Recognizern keine rechtlichen Bedenken.

Alle polizeilichen Vollzugsbeamtinnen und -beamten in den ausgewählten Kreispolizeibehörden können sich bewerben. Wer sich qualifiziert, führt die anstehenden Aufgaben als Super-Recognizer zunächst im Nebenamt aus, so das LAFP. Das kann bei der Kripo oder im Wachdienst, aber auch im Bereich Verkehr sein.

„Im nächsten Jahr werden dann die Berichte vorliegen“, erklärt Kriminaloberrat Weßels, der beim LAFP als Teildezernatsleiter für die Personalauswahl mit verantwortlich ist. „Wir hoffen, bis dahin verlässliche Erkenntnisse zum Auswahlverfahren und zu den Einsatzmöglichkeiten von Super-Recognizern gewonnen zu haben.“

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